Auschwitz

Ich werde wohl nie mit Auschwitz ganz fertig sein...

Immer wieder werde ich gefragt, warum ich nun schon so häufig in Auschwitz war und warum ich wieder dort hingehe, das nächste Mal sogar als Teil der Reatreat Leitung, gemeinsam mit Brele Scholz und Marlene Wagner.

Ich hatte bisher immer langatmig und vielschichtig ausholen müssen und stellte schnell fest, das ich meine Gegenüber während meiner ausführlichen Darlegungen entweder verloren habe oder ich habe sie gelangweilt, bzw. noch mehr verwirrt. Für mich gibt es keinen Ort der mehr in mir bewegt.

Darüber sprach ich während meines Aufenthalts im Frühjahr 2026 in Oswiecim  mit Marlene Wagner.

Sie ist Poetin und hat mir im Anschluss an unsere gemeinsame Zeit in Auschwitz wundervolle, unter die Haut gehende Zeilen gesendet, welche keine weiteren Erläuterungen meinerseits brauchen, meine Motivation zu beschreiben. Lies selbst, aber nimm Dir bitte die Zeit, die Zeilen wirken zu lassen und spüre nach.

Ikebana zu Ehren der Auschwitz-Zeitzeugin Stefania Wernik [Begegnung Frühjahr 2026]

Damit die Toten nicht nochmal sterben

Ich werde mit Auschwitz wohl nie ganz fertig sein. Denn Auschwitz ist kein Ort allein. Es ist eine Wunde unter der Haut der Zeit, ein Grollen in den Kammern der Erinnerung. Ein Schatten, der nicht vergeht, weil er nicht vergehen darf.

Hier kamen Menschen an.
Mit Namen ihrer Liebsten auf den Lippen. Mit Liedern im Herzen.
Mit Sommersprossen auf den Wangen. Mit dem Duft von Zuhause in ihren Kleidern. Mit Gepäck in der Hand für das Leben danach. Mit Hoffnung.

Dann kam die Nacht.
Aus Namen wurden Nummern. Aus Gesichtern wurde Asche. Aus Leben wurde Leere. Und doch ist diese Leere nicht leer. Sie ist erfüllt von ungelebten Jahren, von entwurzelten Biografien. Vernichtung. Von gequälten Kindern ohne Morgen, von Großeltern ohne Grab. Leid. Von Geliebten, die entzwei gerissen wurden. Von Geschichten, die niemand zu Ende erzählen konnte. Einsamkeit. Instrumente, die für immer verstummten. Entwürdigung, Verlust und Verrat stecken noch immer in jedem Grashalm dieser Erde. Mein Herz wiegt schwer unter meiner Brust.

Auschwitz fiel nicht vom Himmel. Es wuchs.

Aus Worten. Aus Schweigen. Aus Wegsehen. Aus Strategie. Aus Gier. Aus Hass. Aus Menschen. Das ist die schwerste Wahrheit: Nicht Monster waren es, die den Wahnsinn über unsere Welt brachten. Es waren Menschen! Menschen, die vergaßen, den anderen als Menschen zu sehen. Nicht der Tod ist der wovor wir uns fürchten sollten!

Auschwitz zeigt, wohin menschliches Versagen führt. Aber es fragt uns zugleich: Wozu wollen wir fähig sein? Heute. Morgen. Jeden Tag.

Und vielleicht ist genau deshalb Erinnerung kein Blick zurück. Sondern ein Blick nach vorn. Eine Frage an jeden neuen Tag: Wie wollen wir leben? Mit verschlossenen Händen oder offenen Herzen? Mit Gleichgültigkeit oder Mitgefühl? Mit Angst oder Menschlichkeit?

Doch wenn Erinnerung nur lähmt, wenn sie das Leben selbst beschämt, dann hätte Dunkel neu gesiegt und nochmal über uns verfügt. Denn die Toten brauchen nicht nur unser Gedenken. Sie brauchen unsere Wachheit. Unsere Stimme, wenn andere schweigen. Unsere Haltung, wenn andere ausgrenzen.

Die Antwort auf diesen Ort darf nicht nur Trauer sein, die uns im Schmerz gefangen hält. So lasst uns Täter sein: Verdächtig durch Barmherzigkeit. Überführt durch Zärtlichkeit. Gefangen in Verbundenheit. Und schuldig an der Friedenszeit. Denn jede Hand, die sich erhebt, um nicht zu schlagen, sondern trägt, ist Widerstand.

Vielleicht liegt die Würde all der Toten nicht nur in den Gräbern, die wir besuchen. Nicht in all den Büchern, die wir lesen. Sondern in dem Frieden, den wir bewahren. In der Freundlichkeit, die wir verschenken. In der Liebe, die wir trotz allem wählen. Vielleicht wird Auschwitz so zu einem Ort des Friedens.

So stehe ich zwischen Stacheldraht und Baracken, am Rand der Ruinen der Gaskammern und höre in der Ferne das wehklagende Weinen eines jungen Mädchens. Sie weint die Tränen meiner Trauer, meiner Wut. Ich spüre Mitgefühl.

In mir wird alles still und ich blicke sehnsüchtig hinauf zum Himmel – dorthin, wo ich mich heimisch fühle. Doch mein Werk ist noch nicht getan und so bleibe ich noch hier. Weil heute droht wieder damals zu werden. Und so sage ich noch entschiedener „Ja“ zum Leben – dieses „Ja“ braucht es auch von dir!

Und wenn die Nacht wieder ihre Schatten wirft, wenn die Erinnerung schwer wird und die Fragen größer sind als die Antworten, dann stehe ich zwischen Trauer und Hoffnung und frage mich:

Werden wir Menschen mit alledem, wofür Auschwitz steht, wohl jemals ganz fertig sein?

♡ Marlene [2026]