Über ZEN

An dieser Stelle möchte ich keine neue Abhandlung über den Buddhismus darlegen, da Bibliotheken und das World Wide Web voll davon sind. Achtsamkeit und Meditation sind allgegenwärtig. Insofern möchte ich nur beschreiben, woher diese Traditionen, so wie sie heute in der westlichen Welt gelehrt und gelebt werde entstammen und was das Selbstverständnis von Zen ist. 

Meiner Erfahrung nach bringt es das ZEN auf den Punkt, indem das Zazen – also das Sitzen in Stille (man kann es auch Meditation nennen)- in den Mittelpunkt der Übungen gestellt wird. Zen ist praktische Umsetzung von Gegenwärtigkeit, nicht mehr und nicht weniger. Man kann sie nicht machen sondern nur erleben, immer wieder neu!

Insofern:

Zen bezeichnet eine jahrtausendealte ostasiatische („östliche“) bedeutende Geistesübung. Diese kann sowohl als buddhistische Schule als auch als eigene religionsunabhängige Tradition verstanden werden. 

Das Zen erhebt den Anspruch, nicht nur eine beliebige Wahrheit zu verkörpern, sondern diejenige, welche unter dem Begriff „Buddhanatur“ die unmittelbare Einsicht in die Wirklichkeit an sich versteht. Dieser Vorgang wird vielfach als Erleuchtung oder Erwachen bezeichnet; als Vollzug des Augenblicks, so wie er ist. Die Erkenntnis wird in verschiedenen, bis heute lebendig gebliebenen Linien der Zen-Tradition bis zur Erleuchtungserfahrung des historischen Shakyamuni Buddha zurückgeführt.

Die Linien entwickelten sich historisch und entwickeln sich bis heute weiter, weil jeweils ein erleuchteter Meister die unmittelbare Einsicht in die Wirklichkeit bei einem erleuchteten Nachfolger bestätigt. Diese Weitergabe von Herz zu Herz wird traditionell auch als Dharma-Übertragung bezeichnet. Jeder Meister ist berechtigt, eine eigene Linie zu gründen, um die Tradition in neuer Form fortzuführen.

Zen hat sich aus dem Mahayana-Buddhismus heraus entwickelt, als dieser in China ab dem 6.Jahrhundert auf die daoistische Tradition traf und sich mit ihr verband. Als Gründungspatriarch gilt Bodhidarma. Aus einer der fünf Hochreligionen entstanden, „funktioniert“ Zen in seinen Grundzügen gleichwohl wesentlich anders als diese: Es treibt die buddhistische Absage an metaphysische Spekulationen über die Wirklichkeit auf die Spitze. Es verschreibt sich stattdessen der praktischen alltäglichen Geistesschulung, die bis zum höchsten Vollzug der Einheit in der Gegenwart führen soll. Daher kann man trefflich darüber streiten, ob Zen eine Religion sei oder auch nicht und für beide Positionen gute Argumente finden. Versteht man Religion als Daseinsstrategie angesichts der Bewusstheit der eigenen Vergänglichkeit, die uns Menschen von nicht (voll) bewussten Lebewesen unterscheidet, dann bietet Zen für die Sinnsuche in dieser Bewusstheit einen radikalen und einfachen Weg an.

Hierin liegt vermutlich der Grund dafür, dass Zen weltanschaulich neutral, losgelöst von einem religiösen Kontext geübt werden kann. Willigis Jäger, einer der bedeutendsten spirituellen Lehrer der Gegenwart, lebt vor, dass er als Christ und ehemaliger Benediktinerbruder gleichzeitig Zen-Meister sein kann. Er prägte für Zen das Bild des jeweils neuen Gewandes, das Zen in einem neuen Kontext anlegt, während es in seinem Kern immer gleich bleibt.

Den Zen-Weg zu gehen, bedeutet, sich diszipliniert einer strengen Geistesschulung zu unterziehen, die wesentlich das regelmäßige Üben von Zazen (Sitzen in Stille) beinhaltet. Die Sinnsuche auf dem Zen-Weg findet ihre Erfüllung, wenn das Erwachen geschieht und der Übende im Vollzug des jetzigen Augenblicks voll und ganz in der Gegenwart ankommt. Im Buddhismus wird dies als Überwindung des Leidens durch Eintritt in das Nirvana bezeichnet. Das damit langsam aber stetig veränderte Bewusstsein soll im Alltagsleben zum Tragen kommen. Im Zen wird dafür die Metapher der „Rückkehr auf den Marktplatz“ verwendet. 

Sprechen über Zen

Trotz oder gerade wegen umfangreicher Literatur über Zen in vielfältigen Kontexten ist es wichtig, zu klären, was eigentlich über Zen gesagt werden kann. Die unmittelbare Einsicht in die Wirklichkeit, die in vielen Begriffen umschrieben wird, ist jedenfalls nicht direkt sprachlich auszudrücken. Eine sprachliche Beschreibung setzt die denkerische Unterscheidung zwischen dem Denker als Subjekt und der Wirklichkeit als Objekt voraus, die damit nicht mehr einheitlich sein kann. Im Vollzug der unmittelbaren Einsicht in die Wirklichkeit jedoch herrscht Einheit. Alles unterscheidende Denken, die Differenzierung von Subjekt und Objekt, wie sie die abendländische Tradition kennt, ist aufgehoben.

Deswegen ist die entscheidende Erkenntnis unsagbar. Gleichwohl kann sie im Nachhinein sprachlich erfasst werden. Dies geschieht in der tiefgründigen Reflexion von oft erschütternden Erfahrungen und deren Auswirkungen. Das Vergleichen mit anderen Lebenserfahrungen und das Einordnen in andere und größere Zusammenhänge können geschehen und geschehen. Denkerische Aktivitäten dieser Art geschehen zwangsläufig im historischen und gesellschaftlichen Umfeld der Menschen, die diese unternehmen. Die jeweils eigene Lebenswirklichkeit, das eigene Welt- und Menschenbild, kulturelle Traditionen, individuelle und kollektive Prägungen, der Sprachraum der eigenen Muttersprache und vieles mehr beeinflussen den Denkrahmen, die Sprachbilder und Begrifflichkeiten, mit denen die unmittelbare Einsicht in die Wirklichkeit beschrieben, interpretiert und reflektiert wird. Insofern versucht die neuere Zen-Literatur die Essenzen der überlieferten Zen-Texte in die zeitgenössische Lebenswirklichkeit zu transferieren. Traditionell werden beispielsweise in den sog. Koans Lebenssituationen beschrieben, die in vergangenen Kulturen stattgefunden haben. Diese „Kurzgeschichten“ werden dann zitiert und anschließend kommentiert und deren Kernaussage herausgestellt.

(entnommen aus meiner Abschlussarbeit zu meinem Studium Interkulturalität und Spiritualität an der Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg, Institut für Interreligiöse Studien:  „ZEN im zeitgenössischen Wirtschaftsgeschehen“. Diese Arbeit entstand in Zusammenarbeit mit meiner lieben Kommilitonin Susanne Weisheit.)

Zazen

Das Zazen (sitzen in Stille) ist die zentrale Übung und Haltung im Zen. Zazen ist die Verkörperung der Gegenwart, nicht mehr und nicht weniger. 

In unserem Alltagsbewusstsein geht es häfig darum, wer ich bin. Ich bin: Mann, Frau, Kind, Schwester, Bruder, ManagerIn, Angestellte(r) oder ChefIn. Immer wieder konstituieren wir uns selbst. Wir leben in Rollen, denken uns Konzepte aus und kreieren damit unser Ich. Handlung und Denken sind zwei voneinander abhängige, zusammenhängende Attribute. Durch unser Denken geben wir der Handlung eine Bedeutung. Wir produzieren Gefühle und unser Ich entsteht, permanent. Doch wer ist diese ICH? Gibt es das wirklich als feste Größe an sich?

Zazen ist: Ich ohne Doppelpunkt!

Im Zazen sind Haltung und Denken gekoppelt. Wir verkörpern die Gegenwart. In dieser bewegungslosen Haltung können wir erkennen, dass die Wirklichkeit eine ständige Veränderung ist. Es ist letztendlich eine Haltung der Selbstvergessenheit, eine vollumfängliche Anwesenheit. Der/die Sitzende(r) verkörpert den Augenblick, im Nichtstun voll anwesend, Wachheit bei völliger Selbstvergessenheit. Das bedeutet es gibt kein Ich, was (durch Denken) beschrieben werden muss, sondern in der Haltung des Zazen sind wir in diesem einen Augenblick das Sitzen, dieser eine Atemzug, immer wieder jetzt!

Meditation